Sehnsucht nach der Bohème Bourgeoiser End-Dreißiger blickt in eine rosige Zukunft
wann fällt das zölibat?

und heißt bis an mein lebensende

so was wie lebenslänglich?

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Tagebuch von Henri Hochofen

August 2006

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Donnerstag, 24. August 2006 (Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten)
(19:49 Uhr)

Wikipedia, schnell wie immer, schlägt nach dem Wegfall von Pluto vor: Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unseren Nachthimmel. Kündigung ist angekündigt. Und der potentiell neue Arbeitgeber äußert sich wieder recht zaghaft. Bei acht Milliarden Überschuß wird die BA mich gegebenenfalls verkraften können. Nadja ist besorgt.

Freitag, 25. August 2006 (Abschiedsgeschenke)
(22:49 Uhr)

Letzter Arbeitstag des Projektleiters. Hab auf seiner Abschiedskarte unterschrieben. Obwohl ich offiziell noch vor ihm gehe.
Die Chefs sind stolz, den Lohn für dieses Monat ohne Verspätung bezahlen zu können. Unser Projektleiter hinterläßt uns noch ein Bonmot vom Café to go. Rechtzeitig vorm Feierabend trifft eine zuversichtlich stimmende E-Mail ein. Daß die Modalitäten für einen neuen Job vielleicht doch noch nächste Woche über die Bühne gehen könnten. Nadja bringt mir einen neuen Klapp-Mülleimer mit.

Samstag, 26. August 2006 (Tag der offenen Tür)
(22:18 Uhr)

Morgenradio weist auf das Anagramm Karamelengel/Angela Merkel hin. Selbige lädt ein zum Tag der offenen Tür. Vorm KaDeWe spielen ein paar Rentner Bundeskanzler-Puzzle. Richie und Nadja wollten in kein Ost-Kaufhaus. Weil ich beim Klamottenkauf so gut durchgehalten hatte, versprach mir Nadja nette vegetarische Gerichte bei ihrem Lieblings-Japaner. Wo sich auf der Karte aber nur eines finden ließ. Ein einziges Gericht ohne Meeresbewohner. Dafür mit merkwürdigen Pilzen. Gut, daß ich so schlecht mit Stäbchen essen kann. Ingo ruft an, während des Spiels. Ich soll rauskriegen, welchen Blitztransfer Bayern getätigt hätte. Weil der Stadionsprecher Andeutungen gemacht hat. Van Bommel war’s. Null-Null gegen Nürnberg. Nadja und Richie schienen nach ihrem Sushi (gibt’s da ‘ne Mehrzahl?) so zufrieden. Da konnte ich am Abend Monaco Franze einlegen. Folgen eins bis vier. Nadja erkennt einige Parallelen und ahnt Schreckliches.

Sonntag, 27. August 2006 (Neue Ideen für ALG-II-Empfänger)
(23:33 Uhr)

Für Richie ein Lied von den Pussycat Dolls heruntergeladen. Nadja ist glücklich über ihre neuen Hosen. Monaco Franze als Herr der sieben Meere. Spaziergang mit Frau Heppel. Durchs schöne Wedding. An einem naturnahen Kinderspielplatz vorbei. Neue Kulturtipps. Theater-Soap. Gutes Wedding, schlechtes Wedding. Und ein Programmkino, das sich in der Nachbarschaft befinden soll. Frau Heppel frägt, was wir noch alles wollen. Glücklich sein? Nein. Glücklich bleiben. Das große Buch der optischen Illusionen deckt mein miserables räumliches Vorstellungsvermögen auf. Probleme mit unmöglichen Dreiecken. Ein Homeboy distanziert sich von den neuen Erkenntnissen über dunkle Materie. Wie soll ich bei Gmx meine 28.174 Spam-Nachrichten auf Irrläufer überprüfen. Eine Suchmöglichkeit wird nicht geboten. Tiefensee möchte ALG-II-Empfänger als Patrouille im Nahverkehr einsetzen. Am besten im S-Bahn-Ring. Zur Rush Hour. Den Vorschlag Söders, ihnen den Urlaubsanspruch zu streichen, kontert Brigitte Pothmer von den Grünen mit: “Demnächst werden sie ankommen und fordern, dass Videorekorder und Badehosen eingesammelt werden.” Als ob die FKK-Fraktion aus dem Osten das schrecken würde.

Kommentar
 
  • Stefan ( 28.08.2006 um 00:19 Uhr )

    Endlich die Kommentarfunktion. Jetzt noch umgekehrt sortieren (Neueste nach oben), und man spart sich die Scrollerei. Jedenfalls Grüße aus München! Und ein Programmkino hilft wenigstens, die Zeit zu vertreiben…

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  • Henri Hochofen ( 28.08.2006 um 06:48 Uhr )

    Man behandle dieses Blog wie ein gebundenes Medium und nicht wie eine lose Blattsammlung, erkenne die Analogie zwischen “blättern” und “scrollen”, verzichte auf den Mythos der Web-Usability, erfreue sich an der Chronologie und lobe auch ein Programmkino nicht vor dem Programmheft…

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  • Frau Heppel ( 28.08.2006 um 13:08 Uhr )

    hallo henri hochofen, du hast schon recht mit dem: lobe ein programmkino nicht - das sputnik wedding wurde schon 1998 geschlossen (die antwort auf deine frage, ob ich mir den weiten weg machen würde: früher, ja, als ich noch jung war…passt dann schon.) musst du eben mal ins city wedding gehen. auch schön.
    http://www.kinokompendium.de/sputnikwedding.htm
    liebe grüße! frau heppel (die ihren namen nicht mag)

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  • Henri Hochofen ( 28.08.2006 um 20:00 Uhr )

    Liebe Frau Heppel, vielen Dank für die Präzisierung. Und ja. Unsere Namen können wir uns nicht aussuchen.

  • Montag, 28. August 2006 (Destruktivität. Wann, wenn nicht jetzt?)
    (22:39 Uhr)

    Rüdiger ist stark lädiert mit Ideen aus dem Urlaub zurück. Der Potsdamer Kollege setzt neuen Meilenstein, Remulus ist gut gelaunt. Und der Rest der Belegschaft hat Chef-Status. Kiefer Sutherland bekommt endlich den Emmy. In Sachen Kofferbomber sind die Behörden auf Zack. Drei Täter. Fünf Festnahmen. Dresd’ner Weltkulturelbe bleibt vorerst bestehen. Belwe führt mir mein luxuriöses Leben vor Augen (Belwe, Luxus). Ein Falschfahrer auf der A sowieso unterbricht Robbie Williams. Kann mir Advertising space wohl nur auf eine Weise abgewöhnen. Durch Kaufen. Auf allofmp3.com. Beschäftigung mit dem Thema Existenzgeld. Und der Abschaffung der Arbeitslosigkeit. Stattdessen unbefristete Verträge bei Vater Staat. Mit Dienst- und Einsatzplänen. Erich Fromm rausgeholt. Anatomie der menschlichen Destruktivität. Gott. Ist das kleingedruckt. Nadja findet, ich sehe mit meiner alten Brille doof aus. War Claudias Lieblingsbrille. Bin ich schon zu zynisch für Fromm. Oder soll ich in die Kritik am Neo-Instinktivismus einstimmen. Und am Neo-Behaviourismus. Daß der Gegenstand der Psychologie das Verhalten wurde und nicht mehr der sich verhaltende Mensch. Himmel. Ich brauche Sekundärliteratur.

    Kommentar
     
  • Rüdiger ( 31.08.2006 um 18:30 Uhr )

    nur ein Hinweis:

    Du schreibst was von allofmp3.com
    Verlink das niemals!!! Dann kannst Du mit einer Abmahnung rechnen

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  • Henri Hochofen ( 31.08.2006 um 21:53 Uhr )

    Werde vorsichtig sein…

  • Dienstag, 29. August 2006 (Sublimierte Aggressionen)
    (23:27 Uhr)

    Im Büro wurden unbeschriftete Festplatten gefunden. Wir sind doch keine Müllhalde. Der Potsdamer Kollege kommt verdächtig spät. Weiterhin Jobsorgen. Morgen ein Probearbeitstag in der Vorstadt. Erfolglose Suche nach der Schillerbibliothek in der Müllerstraße. Man sollte sich in Berlin die Hausnummern merken. Ein bayerisches Mineralwasser ist radioaktiv belastet. Ich trinke vorläufig, bis der Name veröffentlicht wird, kein Adelholzener mehr. Fromm stellt die Aggressionstheorien Freuds und Lorenz’ vor. Symbolische und rituelle Drohungen ersetzten die tödliche Aggression, ohne der Art zu schaden. Vielleicht ist Bloggen ebenso umgeleitete Aggression zur Besetzung virtuellen Lebensraums? Unterdrückte Aggression ist ungesund. Es gibt keine Liebe… ohne Aggression. Wir sollen unsere Aggressionen an Ersatzobjekten abreagieren. Gut, daß Kerners Sommerpause zu Ende ist. Auch wenn Fromm diese bequemen Ansichten noch widerlegen will. Schlemihl weigert sich, seine Seele zu verkaufen. Rüdiger und Nadja meinen, daß ich mich aktiv bei einem Strom- und Gasversorger anmelden muß. Das nächste Framework, das ich mir ansehe, heißt AppFuse.

    Mittwoch, 30. August 2006 (Berlin hat keine Berliner mehr)
    (23:34 Uhr)

    Probearbeitstag lief gut. Kantine vorbildlich. Kollegen multi-kulti. Nur keine Berliner. Vorm Büro ein kleines Biotop. Rüdiger und Harry fürchteten eine Äußerung á la “Das hört sich nicht so spannend an!” Auf die Frage, wie ich mich in so Frameworks einarbeiten würde, verwies ich auf meinen Kollegen mit der raschen Auffassungsgabe, der auch noch dichtet. Schlemihl stiftet seine wissenschaftlichen Ergebnisse den Berliner Universitäten. Die geruhsame Nacht neigt sich dem Ende zu. Wickert plant Literaturmagazin. Hab mir heute Literatur aus dem Süßigkeiten-Automaten herausgelassen. 14 Seiten SuKuLTuR. Für ein Euro. Ob ich nicht besser den Kaugummi gewählt hätte. Fromm leitet nach Lorenz’ religiöser Verehrung für Darwin über zu Milieutheorie und Behaviourismus. Ranicki-Kanon läßt mich Grimms Märchen überfliegen. Gevatter Tod kannt’ ich noch nicht. Auch der Potsdamer Kollege hat alle Bände des Zauberers der Smaragdenstadt mehrmals gelesen. Bei Nadja ist dauernd besetzt. Das JSP-Projekt ist fast fertig. Nadja möchte mit mir in Puccinis La Bohème gehen.

    Kommentar
     
  • Axel Rose ( 31.08.2006 um 21:57 Uhr )

    Wieso werden meine mehrmals(!!!) über Google gestellten Anfragen nicht veröffentlicht?

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  • Henri Hochofen ( 31.08.2006 um 23:33 Uhr )

    Fragen, die ich nicht beantworten kann, bitte an andere Suchmaschinen richten.

  • Donnerstag, 31. August 2006 (Das bißchen Arbeit kann so schlimm nicht sein…)
    (23:41 Uhr)

    Reimt ein Kollege. Laut einer Gallup-Studie wächst die Frustration bei deutschen Beschäftigten. Was meine Krankheitsstatistik angeht, muß ich emotional sehr stark an den Arbeitgeber gebunden gewesen sein. Aber, wie sagt man bei uns im Büro. Wir sind keine Demokratie, sondern eine Firma. Münchner Amseln stress-resistenter als herkömmliche Land-Amseln. Versuchsreihe läßt sich auch auf Menschen übertragen. Was passiert, wenn man Stadt-Amseln im Naturschutzgebiet aussetzt? Vermute, daß die an Lärm, Bewegung, Licht und Autoverkehr gewöhnten Tiere die Ruhe schlechter ertragen, und hier die Land-Amseln souveräner wirken. Iran bestellt Sanktionen. In Berlin kann man seine Briefwahl-Unterlagen per E-Mail anfordern. Harry wundert sich, daß der Wahlomat nie seine Partei ausspuckt. Weil Rüdiger nicht aus den Federn kommt, wird für meine letzten Tage die Gleitzeit aufgehoben. Primbs, dem das Kino hilft, die Zeit zu vertreiben, hat Tränen in selbigem gelacht (Primbs, Schuld und Sühne, Himmel und Hölle). Angesichts der Inflation der Mythen. Vielleicht sollte man Mythen per definitionem noch eine gewisse Wirkungsgeschichte abverlangen. Ähnlich wie man ein Design Pattern erst dann so nennen darf, wenn es mindestens in drei Anwendungen produktiv eingesetzt wird (rule of three). Nadja hat verschlafen. Und Richie will nicht auf Besinnungstage.

    Kommentar
     
  • Rüdiger ( 1.09.2006 um 13:42 Uhr )

    Hallo Henri,

    es tut mir wirklich leid, aber was kann ich dafür, wenn mein Bettchen immer so schön kuschelig ist. Mach mich bitte nicht dafür verantwortlich, wenn Du dadurch deinen Gleitzeitanspruch verlierst. Außerdem: Was soll passieren, wenn Du später kommst? Eine Kündigung halte ich für ausgeschlossen. ;-)

    Rüdiger

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  • Henri Hochofen ( 2.09.2006 um 09:19 Uhr )

    Versteh’ gar nicht, wie ich es bei so zynischen Kollegen so lange aushalten konnte…

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  • Arno ( 3.09.2006 um 23:43 Uhr )

    bei der Länge übertreibst Du immer wieder …

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  • Henri Hochofen ( 4.09.2006 um 12:53 Uhr )

    Gilt nicht ein Augenblick als Ewigkeit?

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  • Nym ( 5.09.2006 um 00:14 Uhr )

    Die “Länge” ist hier typenlos.

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  • Henri Hochofen ( 5.09.2006 um 07:47 Uhr )

    Das ändert nichts am Phänomen der “gefühlten” Länge…

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