Nicht jeder ist für Lohnarbeit geeignet

von diario zu diarrhöe ist nur ein schritt

Diario

2003

Tagebuch von Henri Hochofen

September/Oktober 2003

← [Juli/August 2003] [aktuell] →

Montag, 1. September 2003
Claudia nicht eifersüchtig. Flugblatt von Reiner S. stößt auf breite Ablehnung. Homeboy # 4's Mail-Daemon verweigert die Annahme, und Junior feuert Spitzen ab. Diclofenac beflügelt mich zu Überstunden.

Mittwoch, 3. September 2003
Homeboy-Vorzeige-Familie in München. Wickie, Hellabrunn, Sambal Oelek, „Haben“ und Guten Appetit. Verbitterte und abgehalfterte Kreaturen, soweit manch Homeboyauge reicht. Kraftvoll zubeissen, im Haifischbecken. Sehnsucht nach Schein. Ein Mann sieht rot, bzw. ganz schwarz-weiß. Keine Torte für mich. Nicht selten entpuppe sich, was wie eine Erhöhung angeteasert wurde, als Kreuzigung. Im übrigen darf die Lektüre von Junior, die sich wirklich gewaschen hat, hier nicht veröffentlicht werden. Lobe mir Claudias Bedürfnislosigkeit. In statussymbolischer Hinsicht. Auch ist Riester für sie nur ein Wort. Schon wieder Überstunden. Unbezahlt. Und meine Pinakothek-Jahreskarte verfällt.

Donnerstag, 4. September 2003
Gestreßt. Kalte Küche. Trinke zu wenig. Zu viele Baustellen. Number 4 in Seattle. Zahnspangen und kein Busen, aber rauchen. Ja, Sokrates. Meine Eltern suchen einen Job für mich. Als ob ich nicht genug Gefahren zu bestehen hätte. Diese Woche definitiv zu kurz. Morgen schon wieder heim.

Freitag, 5. September 2003
Baumfäller Herr G., welcher mich schon am 16. Mai beschäftigt hatte, bittet um Auslichtung meines Tagebuches.
 
Herr G.
Baumfällungen und -auslichtungen
Wurzelstockentfernung
Abfuhr
 
Sehr geehrter Herr Hochofen,
 
anbei übersende ich Ihnen den Ausdruck vom Freitag den 16.Mai 2003, mit der Bitte den in Klammern gesetzten Tex aus Ihrer Homepace zu entfernen.
 
Ich hoffe, daß Sie meiner Bitte unverzüglich nachkommen.
 
Mit freundlichen Grüßen
Herr G.
 
Der Mann macht Pace. Mein Mitgefühl mit der einheimischen Baumfällindustrie läßt mich dieser Bitte entsprechen. Trotz des Verlustes der sich bei einem längeren Briefwechsel vielleicht einstellenden Erweiterungsmöglichkeiten meines orthographischen Horizonts. Man will mich „meiner“ Akten berauben. Wieso lassen sich Gefühle nicht mal zwei Stunden konservieren? Claudia einfach nicht die Richtige. Deutschland braucht BundespräsidentIN? Ich finde, der Schröder soll's machen. Stadtbibliothek-Volksabstimmung eine Woche nach der Landtagswahl. Kein Filofax in der Landeshauptstadt. FDP einzige Partei, welche Zahnarztsohn nicht aufregt. Primavera gut drauf. Junior kein Sklave seines Mobiltelefons.

Samstag, 6. September 2003
Meine Eltern haben fürderhin schnelleren Rechner als ich, soviel zum Thema Generationengerechtigkeit. Gerüchteküche im Markt, Karriere von Papa-Homeboy betreffend, brodelt. England heißt es meist. Man traue Tevi-Verkäufern nicht. Keyboard will Nummer von Bassgitarre. Um den Oleander muß sich Oma nicht kümmern.

Sonntag, 7. September 2003
Ein Rudi Völler, es gibt nur ein Rudi Völler. Trotzdem Mitleid mit Unterhaltungschef Delling. Papa Homeboy verdrängt hyperthyme Lebensabschnitte. Sarrebourg in der Nähe von Freiburg, und Kairo liegt am Nil. Hombre auf der Flucht vor Gläubigern. Naturwissenschaftlerin will hyperthym mit gamsig ersetzt wissen. Schwester, hackedicht, wünscht sich Nichten und Neffen und hat heut morgen tatsächlich Handball gespielt, mit Torerfolg. Nichts Neues vom Traummann. Homeboy Junior ist überhaupt nicht fad. Vergleicht seine Brilleninvestition mit meiner Digitalkamera. Durch die Brille sehe man ständig hindurch, nicht nur gelegentlich. Number 4 in Seattle biometrisch erfaßt. Letzte mitgeloggte Session: orange.labs.phys.washington.edu, IP: 128.95.101.9. Schweinebraten zu Mittag.
Oma: Is des heit so triab?
Henri: It will be rain to-night!
First murderer: Let it come down.
Nächste Woche gastiert mein kulinarischer Lehrmeister und möchte sehen, ob ich mich weiterentwickelt habe... Geniemangelscham. Deggendorf-Begrüßungsschild, die Klimax der Nation: Bummeln, Einkaufen, Parken. Alles wie immer. Habe mich auf der Heimfahrt mit Junior und öffentlichen Dienst anstrebender Lebensmittelchemikerin exaxt an die Vorgaben von Homeboy K. gehalten. Junior glänzt durch Verzicht auf Fontane und Klassik.

Montag, 8. September 2003
Reiner S. hat keine Idee, was man einer ledigen 30-Jährigen zum Geburtstag schenken könnte. Empfehle ihm Ehering. Laboriere an Burn-Out-Syndrom. Habe zu viel Mitleid mit den Doktoranden. Chile-Stadion wird nach Victor Jara („Venceremos“) benannt. Neue Klausel bei Memory-Gewinnspiel nötig. Reiner scheut die Verantwortung. Mag ich auch verschiedene Emailadressen haben, so bin ich doch stets der Gleiche. Reiner war sich dessen nicht bewußt und möchte Ruth-Rechte auf die Leserecke.

Dienstag, 9. September 2003
Claudia wundert sich, daß trotz unseres trockenen Sommers das Wasser in der Badewanne so schlecht abfließt. Pinakothek, Besuch IV. Moderne. Untergeschoß. Design. Bis auf schwangere Frauen Atmosphäre wie bei Ikea. Espressomaschine von Gaggia scheint mir zu frivol in Pose gesetzt. Auch hätte ich hinter einer „perfekten Kurve“, die im übrigen berührt werden durfte, etwas anderes als die technisch rationale Welt von Fahrzeugen vermutet. Herpes. Muß kürzer treten.

Mittwoch, 10. September 2003
Badewanne fließt immer noch nicht ab. Stehe kurz vor einer Völlerschen Eruption. Lese ab sofort wieder Stellenanzeigen. Kämpfe nicht, bettle nicht, vielleicht schrei ich auch nicht, ich glaub, ich gehe. Man möge mich nicht reizen, anrufen. Excusatio praecox. Auch der Kanzler entschuldigt sich. Regere humanum est. Welch Größe, welch Ehrlichkeit. Jetzt glaubt jeder, die Abschaffung des demographischen Faktors sei sein einziger Fehler gewesen. Erinnert mich an Claudia, als sie mir einen Seitensprung gestand, den zu entdecken, ich in Begriff war.

Donnerstag, 11. September 2003
Auch Schreibtisch-Choleriker beruhigen sich wieder. Pinakothek, Besuch V. Alte. Wenn man von mir so viele Baby-Fotos mit Doppelkinn aufhinge, würde ich mir die Wiedergeburt zweimal überlegen. Hoffe, die Frauen im 15. Jahrhundert sahen nicht wirklich so aus. Heutiges Lieblingsbild: Altdorfers Alexanderschlacht, ich sag nur Audioguide, Zypern und Nildelta. (Link wahrscheinlich nur temporär gültig) Jetzt sucht auch Homeboy Junior ein Geschenk für R.v.F., hab ihn mit gutem Tipp an Reiner S. verwiesen. Schließlich beträgt der Preis 30 Euro + X. Kanzler Schröder: „Der Kampf gegen den TERROR ist noch nicht gewonnen!“ Er meinte in Anspielung auf sein gestriges Eingeständnis natürlich den Kampf gegen den ERROR! Claudias Küchenlektüre zufolge könnte mir heute eine frivole Überraschung bevorstehen. Lennon hat sich bedauerlicherweise mit Termin seiner Party vertan. Schwester in Mexiko angekommen. Haben Spiegel und Panorama Reiners Weltbild erweitert? Man wird morgen sehen.

Freitag, 12. September 2003
Udo van Campen wurde von Kerner gefragt, welche Verschwörungstheorien er für die dümmsten halte. War er damals mit im Lamms? Schon wieder unbezahlte Überstunden. Diclo. Wirkt allmählich. Hab vorhin Claudia angelächelt. Aus der E-Mail Ruth-Maria von F.'s, welche wider eigene Aussage Rundmails doch nicht nur auf Wohnungswechsel beschränkt, läßt sich nicht eruieren, ob es auch was zu essen gibt. Diese Ungewißheit. Zwingt mich zu kochen.

Samstag, 13. September 2003
Meinen farbenfrohen, inhaltsreichen Träumen nach zu urteilen, hat da jemand Haschplätzchen mitgebracht. Mal sehen, wie das Resthirn funktioniert. Realitätenschilderung. Ruths Wohnung dank der Eisdiele um die Ecke leicht zu finden. Ein dreißigster Geburtstag ohne Mütter. Ufo-erfahrener Chilene kannte Osvaldo Rodriguez nicht. Wehmut beim Anblick des Buffets. (Topfdeckel heißt übrigens tapa de olla) Zur Vorlesung über „Bairische“ Geschichte nicht mehr lexikalisches-wissen-aufnahmefähig. Auf alle Fälle hat es ein reines Matriarchat nach modernen Auffassungen, somit auch nach Juniors, nie gegeben. Die Venus von Willendorf wurde mir verboten, und mit Höhlenmalerei kenn ich mich nicht genügend aus. History is written by those who have hanged Heros. Reiner S. war die Angst vor Veröffentlichung deutlich anzumerken. Die Damen auf der Ottomane gewährten nur wenige private Informationen. Erst Homeboy Junior holte die Kartoffeln aus dem Feuer. „Welches war dein Preis?“ Mußte mich entscheiden, meine Vorstellungsgespräch-Vita (alles Lüge) kundzutun oder die Wahrheit, bzw. eine milde, an drastischen Beispielen arme Version der Wahrheit, auch wenn mir dies bei Doris und Junior den Vorwurf der Effekthascherei einbrachte. Letzterer, welchem nachweislich sogar kurz zurückliegende Ereignisse nicht mehr präsent sind, wertet seine fehlende Erinnerung an meine dreijährige Totenruhe (=Studium) als Beweis für einen von mir höchst angenehm empfundenen Lebensabschnitt, wie er dies empfand, er hört angeblich MEINE innere Stimme. Unbemerkt wandte ich die Variante eines Aufrißversuches vom 11. Juli 2001 an, es blieb allerdings bei kurzzeitigem Augenkontakt. Junior kämpfte an mehreren Fronten, doch auch der von ihm angedeutete Man-Strip, man höre und staune, konnte Sonja nicht zum Bleiben bewegen, man höre und staune nicht. Dabei wären wir zu diesem Zeitpunkt alle noch da gewesen. Nachdem sich aber die ersten in Ruths Schlafgemach zurückzogen, Doris, Markus und Pauline im Wohnmobil verschwanden, gaben auch die anwesenden Homeboys plus Reiner S. ihre Sitzplätze auf und ließen auf dem Nach-Hause-Weg den Abend Revue passieren. Inzwischen meldet sich Simone, glücklich unterwegs in Mexiko, aus Playa del Carmen. Heute in München erwarteter P. McEnroe hat bereits angerufen und wollte mir einfach nur sagen, daß i a selten greisliger Hund bin!

Sonntag, 14. September 2003
Herbe Cricket-Niederlage. Wollte McEnroe nicht provozieren, ihn, der nach so langer Zeit endlich mal wieder die wahrscheinlich beste Gemüselasagne des Kontinents kredenzte. Der Vino Nobile di Montepulciano indes „überzeugte“ ihn nicht. Ebensowenig wie der frühe Nietzsche mit seiner Fabel von der intelligiblen Freiheit. Dabei sei dort ein entscheidender Satz so hell wie das Sonnenlicht und doch gehe hier jedermann in den Schatten und die Unwahrheit zurück: aus Furcht vor den Folgen. Keine Sportschau. Aus Gründen. Informationsmaterial für Werbekunden freigegeben.

Montag, 15. September 2003
Der Chef schmiert mir reichlich Honig ums Maul und versucht, falsche Situationsanalysen als Komplimente zu verkaufen. Diese richtigzustellen fehlt mir der Konflikt-Wille. Vielleicht wenn das Team komplett ist. Claudia hat jemand übers Internet kennengelernt. Primavera im Urlaub. Muskelkater. Endlichkeit. Gefährliche Gedanken.

Dienstag, 16. September 2003
Hab Claudias Flirt-Community-Profil entdeckt. Wie cracke ich das password? „Henri“ tut's nicht. Der Schleier der Monotonie trübt mir den Sinn. Wie komm ich dazu, ernsthaft über die Zwangsjacke der Vierzig-Stunden-Woche nachzudenken? Lebkuchen gekauft. Thomas A. postet seine Erlebnisse während der angekündigten Internet-Pause bis Freitag nun scheinbar per SMS. Während Claudia bei mir chattet, minimiere ich die Ausfallzeit ihres Fernsehgeräts. Fand Friends durchaus homeboyesk. Bekomme morgen angeblich ein Homeboy-Privatrezept für Diclofenac. Und schon wieder. Endlichkeit. Schwere Zeiten.

Mittwoch, 17. September 2003
Im Falle eines Krankheitsfalles heilt Papa-Homeboy einfach alles. Iterum ego in Arcadia. Der Winter kann kommen. Reiner S. langweilt sich des Abends und tyrannisiert die Suchmaschine Google unter anderem mit folgenden desavouierenden Abfragen (Liste nicht vollständig):

Akte Kohl wird öffentlich. Lichtblick in der deutschen Rechtsprechung. Dobar Dan aus der Versenkung aufgetaucht. Championsleague-Auftakt. Nervös. Glück gehabt.

Donnerstag, 18. September 2003
Vollzeit-Arbeits-Tag. Alcatraz. Angestaute Agressionen. Fluchtpläne. Claudia bemerkt meine Spontanerektionen ebensowenig wie die aufgeladene Stimmung. Scheiß-Chatten. Ich muß raus. Zu HL. Hole mir Kartoffelchips. Owen kontert Kahns Aussetzer intelligent. Hexal-Werbespot mit Harald Schmidt. Besser als Fahrt auf dem Rhein. Viagra, Levitra, Cialis. Claudia meint, ich solle Medizinmann-Homeboy nicht immer nur um Diclofenac ansuchen.

Freitag, 19. September 2003
High Noon. Feierabend. Pinakothek, Besuch VI. Neue. Quietschende Schuhe mehrerer Wärter. Erste Wiesn-Touristen. Heute kein Lieblingsbild, auch nicht Stielers Goethe oder Catels spanische Weinschenke. Patentprotest geht in entscheidende Phase. Muß zwei Stündchen schlafen. Alptraum, in dem mich Kundenakten nach Hause verfolgen. Vielleicht bin ich „zu langsam, überfordert und total blockiert“? Österreichisches Kaffeehaus am Flughafen sucht Servicekraft mit natürlichem Charme a la Hans Moser. In Menschliches Allzumenschliches kommen auch wir Zyniker und Epikureer nicht gut weg. Claudia bei Blind Date versetzt. Was mir zum Vorteil gereichen könnte.

Samstag, 20. September 2003
Claudia immer unberechenbarer. Hab den ganzen gestrigen Abend gewohnt. Auch mal schön. Süddeutsche, TZ vom Kiosk, außerdem Lotto gespielt. „Ja, mei, der Kahn. Schlimm, wenna nix sicht. Do brauchta si net ins Tor stelln! Gwonna hams net, aba i gib eahna den Schein wieder mit, weila no guit, für die Sonderverlosung von de Autos...“ Lennon springt im Stadion für Caj-Liebhaber ein. Teilnahme am Luftballon-Wettbewerb. Rote Karte für Ze Roberto war zu hart. Unterhaltsames Spiel. Ingo, Lennon und ich hatten bereits fünfzehn Halbe auf dem Bierdeckel, als die verspätete Ruth-Maria von F. erschien. Unerhört charmant, lebendig, unternehmungslustig und gut gelaunt. Abgesehen von einem kurzen Ausflug nach Varasdin und ins badische Idiom, verließ sie uns viel zu früh. Resultate ihrer Geographie-Prüfung diesen Freitag. Mir wurde für nächstes Jahr ein hellblaues Dirndl versprochen.

Gegendarstellung zum Eintrag vom Samstag, 13. September:
Die Schwester von Ruth-Maria von F., Doris von F., hat folgendes erwirkt: Durch die zusammenhanglose Bezeichnung als Doris wurden sowohl ihre Verwandtschaftsbeziehungen als auch ihr Adelstitel unterschlagen, was aber von Seiten des Autors nicht aus Böswilligkeit geschah, sondern lediglich, um die Familie zu schützen. Hiermit sei also explizit darauf hingewiesen, daß es sich bei der am 13. September aufgetretenen Doris um die Schwester von Ruth-Maria von F. handle.
Ferner wurde das Trinken des von Homeboy Junior mitgebrachten Weins, dessen ideeller Wert kaum zu ersetzen gewesen wäre, zwar von einem Gast in Erwägung gezogen, jedoch konnte das Öffnen durch Intervention der Gastgeberin verhindert werden. Der Historiker-Homeboy ließ allerdings seine Beobachtung verlauten, gemäß welcher die Flasche auf besagtem Fest vollständig geleert worden sei, was meine Zweifel an der Nie-Existenz des Matriarchats wieder aufleben läßt.

Sonntag, 21. September 2003
Mir ist so romantisch zumute. Denke an den Walchensee. Claudia will wissen, was denn vorgefallen wäre. Ausflüchte. Kochen zusammen. Schlange im Wahllokal. Erzürnte Mitwähler, die vor der Urne erst von den Volksentscheiden erfahren. Bayerisches Wahlrecht erscheint mir nicht so übersichtlich wie das Bundeswahlrecht. Forschungsgruppe Wahlen hat mich erneut ignoriert. Erste Hochrechnungen. Projekt 18 lebt! Wann wenden sich die Grünen von Schröder ab? Reiner S. will auf die Wiesn. Junior arbeitet weiter an meiner charakterlichen Weiterentwicklung. Das Nennen der Preise von Geschenken an Dritte empfinde er als Indiskretion. Müßig, eine Diskussion anzustoßen, ob Supermarktprodukte auch in diese Kategorie fallen. Und weil ich heute so zum Idealisieren neige. Sind die schönsten Geschenke nicht die, welche man nicht kaufen kann? Simone klagt über Wetter in Mexiko. Weil ich noch keinen Termin für den Wiesn-Besuch nennen konnte, vermutet Reiner, ich wolle mit Ruth-Maria von F. alleine hingehen. Ein Verdacht, den auch Claudia hegt und der vielleicht nicht ganz ohne Berechtigung besteht. Desweiteren schmeißt Reiner Schwülstigkeit mit Romantik in einen Topf und weiß nicht, zwischen Schleimerei und verklärter Ergriffenheit zu differenzieren. Was die Rivalität angeht, so sei er auf den Dialog beim letzten Nach-Hause-Weg verwiesen.

Dienstag, 23. September 2003
Der gestrige Tag sei in Schweigen gehüllt. Verlautbarungen kontraproduktiv, für alle Entwicklungen... Ruth-Maria von F. beauftragt mich wegen des zu erwartenden Männerüberschusses bei ihrer Hundertjahrfeier, Single-Frauen aus dem Internet zu engagieren. Ich weiß nicht, was Claudia hinter meinem Rücken erzählt. Da schicken wir lieber Homeboy Junior kurz ins Holy Home. Sieh, das Gute ist so nah. Außerdem glaubt R.M.v.F., daß Homeboys und Reiner S. mit Nicht-Heteros grundsätzlich Probleme hätten. Diese Bemerkung soll keine Streithähne aufheizen, sondern lediglich anregen, unterschwellige Ressentiments in Frage zu stellen, falls vorhanden, wie von manchen vermutet. Homeboys und Reiner S. stehen hier für Heteros allgemein. Wieso interpretiere ich mich selbst? Ruth-Maria von F. wünscht, einige Dinge richtigzustellen. (zu ihren Leserbriefen)
Als ob ich nicht schon geladen genug von der Arbeit gekommen wäre. Chef wollte, daß ich meinem Unmut Luft verschaffe, was ich verweigerte. Zu Recht. Wenn schon meine freundschaftlich gemeinten Aktivitäten Reaktionen wie im letzten halben Jahr hervorrufen. Wenigstens Claudia versteht mich. Ruth-Maria verwünscht mich mitsamt diesem Webauftritt an Orte, wo der Pfeffer wächst, wobei dort, soweit ich weiß, auch Milch und Honig fließt.

Mittwoch, 24. September 2003
(1:45 a.m.) Baader-Café-Toiletten renoviert. Blaue Bodenfliesen. Number Four auf laufenden Stand gebracht. Nichts Neues vom Bob-Dylan-Karten-Besorger-Homeboy. Prae-Tourist und Stammleser Reiner, ich fühl mich schon wie Rolling Schorsch, läßt keine Möglichkeit aus, auf seine Verschwörungstheorien anzuspielen. Ruth-Maria von F. meint, man dürfe seinen Ärger nicht in sich hineinfressen. Mein Chef auch. Bestellte mich in sein Büro. Plant nicht mehr mit mir. Hab ich wirklich so wenig Dünkel? Kampf gegen Software-Patente scheint gewonnen. Freue mich auf Radi, Butterbrot, und anschließend Mozarella-Tomaten.

Donnerstag, 25. September 2003
Bemühe mich nun schon seit einiger Zeit, mich in Menschen hineinzuversetzen, ohne mir anderer Leute Kopf zu zerbrechen. Es will mir nicht gelingen. Oder wie Nietzsche meint. Geistreichen Personen braucht man mitunter, um sie für einen Satz zu gewinnen, denselben nur in Form einer ungeheuerlichen Paradoxie vorzulegen. Warum das Fest, das wir laut Lennon „jetzt durchziehen“, gefährdet war, konnte ich Ingo nicht plausibel vermitteln. Mein Gedächtnis und der Schnee vom vergangenen Jahr. An meine Opfer: mir geht es auch nicht besser. Was ich mir täglich von Nietzsche anhören muß. Und das Schlimmste, er durchschaut mich oft. Thôrsten erwägt, die biologische Uhr seiner Vermieterin zu stoppen. Claudia hat angeboten, Schnittchen für die tafellose Pary vorzubereiten. Aber dann müßte ich sie mitnehmen. Number Four und Ruth-Maria von F. lernen Spanisch bei Cervantes, und ich möchte mir ein Oszilloskop leisten können.

Freitag, 26. September 2003
Schröder droht erneut mit Ende der Koalition. Viele Chancen bekommt wir nicht mehr. Hoffnung auf Schreiner, Skarpelis-Merk und ein paar erkrankte Abgeordnete. Muß aufpassen, das Carpe-Diem nicht aus dem Auge zu verlieren. Simone in Guatemala, nicht in Mexiko. Nietzsche entblößt mich as usual. So verderbe die Gewöhnung an Ironie, ebenso wie an Sarkasmus, den Charakter... Man sei zuletzt einem bissigen Hunde gleich, der noch das Lachen gelernt hat, außer dem Beißen.

Samstag, 27. September 2003
Arbeitskollege überstand Hundertjahrfeier keine 19 Minuten. Ruth-Maria von F., welche später mit Thôrsten schlief, schnitt bei Ingos Stadt-Land-Flüsse-Raten überdurchschnittlich gut ab. Den Forggensee identifizierte nicht mal Homeboy # 4, der sich im übrigen bis auf gelegentliche satirische Einspielungen in einer Beobachterrolle gefiel. Thôrsten, von dessen Anwalt man noch hören wird, wankte fröhlich umher. „Er ist gewesen“. Lennons warme Semmeln gingen weg wie solche. Homeboy Junior, der dem weiblichen Gegenüber (aus Angst vor schlechtem Sex?) nicht nur beim Anstoßen, sondern auch beim Einschenken in die Augen blicken soll, zog alle Register. Bei Lennons Cousine, die beruflich unter anderem Widersprüche in Gestik und Gefühlslage aufdeckt, überzeugte er durch überragende Körperhaltung und fantastische Beinarbeit. Es fehlte nicht viel, und auch das zweite Knie wäre auf der Couch gelandet. Lennons Cousine, welche zu vieler Bedauern einen verständnisvollen Freund hat, und Junior entwerfen ideale Frau für mich. Man konnte sich nicht einigen zwischen einer Karrierefrau, nicht die von der Au, und einer Lehrerin. Zurückgeworfen auf sich selbst löste sich Juniors Zunge immer mehr, und ich bin dankbar, nicht alle Details im Gedächtnis bewahrt zu haben. Ingo, der partout nicht gehen wollte, bis Ruth-Maria von F. die Segel strich, brachte uns um eine Taxi-Fahrt mit Lennons mephisto-liebender Cousine. Ein bißchen Pantomime und Französisch von Ruth-Maria von F. Die noch fehlende Frage nach dem Sonnenaufgang. Ein letzter Blick auf die teilnahmslosen Protagonisten im blassen Morgenlicht, und ein weiteres Hochofen-Rührstück fand sein Ende, ohne in der Schmalznudel zu eskalieren.

  • Sa., 20.9.03, 1. Akt: Exposition, erregendes Moment
  • Mo., 22.9.03, 2. Akt: steigende Handlung, Sublimierung von Gefühlen, Übersprungs-Sex mit Nebenfigur, Anhäufung von Schuld des Helden
  • Di., 23.09.03, 3. Akt: Höhepunkt der Handlung, entscheidende Wendung der Geschichte, offener Wortwechsel
  • Fr., 26.09.03, früher Abend, 4. Akt: fallende Handlung, retardierendes Moment, kurzes Aufkommen von Hoffnung für den Helden, Aufflackern von Leidenschaft, Eifersucht
  • Sa., 27.09.03, früher Morgen, 5. Akt: Lösung für den Helden, Dea ex machina, Loslösung von unilateralen Affekten, Katharsis nicht bei Zuschauern, sondern bei Henri Hochofen.

Es ist nicht immer traurig, wenn Liebe erkaltet. Trotzdem mal wieder Zeit für ein Lustspiel.

Sonntag, 28. September 2003
Dehydriere noch immer. War die letzten Wochen zu alkoholfixiert. Kaum Lebensmittel im Haus. Claudia bei Freunden eingeladen. Homeboy Junior kündigt wie Thôrsten sonntäglichen Pinakothekbesuch an. Habe seine Lebensgeschichte durch einige vergangene und zukünftige Details ergänzt. Zum ersten Mal Kreditkarte benutzt. Spaß und Gags auf allen Decks. Schiffunglück der MS Lorely kam eine Woche zu spät.

Montag, 29. September 2003
A Maß, a Hendl, a Bussi und dann a sexuelle Belästigung? Aktion Sichere Wiesn für Frauen und Mädchen. Warte am Kettenkarussell. Arbeitskollege wieder fit, wahrscheinlich war's der Rauch. Primavera zweimal lächeln sehen. Seilhüpfen vor meinem Fenster. „Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden...“ Gnade. Erster Kohlrabi des Jahres. Chile-Dokumentation ließ mich Harald Schmidt vergessen. Schwarzenegger liegt bei Umfragen vorn. Kaum Schauspieler in der SPD. Obwohl sich der ideale SPD-Abgeordnete nicht seinem Gewissen oder Wahlversprechen, sondern lediglich den Regie-Anweisungen der Parteiführung verpflichtet zeigt. Bahnschnäppchen laden bald nach Hannover ein. Dunkle Vorahnungen. Wird Bayern eines Tages homeboyfrei?

Dienstag, 30. September 2003
Entdeckt Claudia im Zuge der Retro-Welle alte Liebhaber wieder? Hat zumindest beim Frühstück erstaunlich offen übers Wochenende geplaudert. Spätschicht. Stecke Diclofenac ein. Schlecht geschlafen. Sensibilitätsstörungen. Nie mehr rauchen. München deutlich älter als das Reinheitsgebot. Geschichtslehrer, der mich mal mit 0,8 zensierte, gestorben. „Kann i, dann kimm i. Kimm i net, ho'n i net kemma kenna... Wann i moi nimma kimm...“ Eine Nackenmassage, und Claudia läßt das Geschirr stehen. Vielleicht wär alles einfacher. Mit Spülmaschine. Kanzler droht schon wieder mit Rücktritt. Wieso verknüpft er nicht jede Abstimmung mit der Vertrauensfrage? Chef erkundigt sich, ob ich (in den letzten drei Tagen) meinen Lebensplan verändert hätte. Wirkte heute wohl eine Spur zu fröhlich. Unerklärlich. Diclo kam nicht zur Anwendung. Heb ich mir für die Nacht auf. Championsleague. Substanz. Homeboy Number 4 ohne Leidenschaft fürs runde Leder. Müßte schon Juliette Binoche im Tor stehen. Mit der belgischen Brasilianerin vom Isar-Ganoventreffen in der U-Bahn über Wiesn, Schoppenstüberl und Fußball diskutiert. Hoffentlich findet Thôrsten bald eine neue Wohnung. Dulde während meiner Abwesenheit bis auf Claudia niemand in meinem Zimmer. Sie meint, das läge an der Pornosammlung. Die ist aber abgeschlossen. Halte es eher für eine Bohemiens-Neurose. Oder ich fürchte um meinen Original-Andretzky.

Mittwoch, 1. Oktober 2003
Homeboy Number Four bricht nächste Woche auf gen Italien, Junior besucht die Buchmesse. Henri seul en Bavarie. Erreiche seit einigen Wochen die gesteckten, ohnehin kleinen Ziele nicht. Fjodor meinte, diejenigen, welche immer alles ganz genau machen wollen, würden zur Depression neigen. Dann müßten Claudia und Kanzler Schröder ja davon verschont bleiben. Ruth-Maria von F. mahnt zu normaler menschlicher Kommunikation. Möchte zunächst mal richtig Englisch lernen.

Donnerstag, 2. Oktober 2003
Unglaublich, in was für einen warmherzigen, charmanten Zeitgenossen und vollendeten Gentleman mich Diclofenac immer wieder verwandelt. O-Ton Claudia. Habe in alten Tagebüchern recherchiert. Und richtig. Als wir uns kennenlernten, war Diclofenac ebenfalls im Spiel. Und es war Frühling. Leben der Bohème. Homeboy Number Four kann die Meßinstrumente aus Italien abziehen. Rätsel sind gelöst. Grüße aus der Vergangenheit. Und ich soll Fragen nicht mit Gegenfragen beantworten. Richling als Ulla Schmidt unübertrefflich. Rückkehr von Papa Homeboy nur noch eine Frage der Zeit, bzw. der Macht des Kumulativen. Hoffentlich hat der Miles&More-Homeboy an die Thrombose-Strümpfe gedacht.

Freitag, 3. Oktober 2003, Tag der Einheit
Unter anderem für web-unbedarften Homeboy # 4 ein Kontaktformular eingerichtet, damit er auch vom Ausland aus Kontakt halten kann. Eisern schon in den frühen Morgenstunden trotz Paarungszeit eindeutiges Angebot ausgeschlagen. Will mich jetzt aufbewahren. Beginne mit Englisch-Lernen.

Sonntag, 5. Oktober 2003
5:15 am., fassen wir zusammen. Zwei Altmettener klingeln mich zeitgleich und viel zu früh aus dem Bett. Olympiastadion über Nordeingang betreten, österreichischer Geheimtipp, dort kein Anstehen am Würstlstand. Vier zu eins, keine Euphorie. Einige Besucher waren von dem weiblichen Gesäß in Reihe 37 mehr angetan als vom Geschehen auf dem Rasen. Viermal nass geworden, Stadion (Regen, 2x), Lennon (Weißbier 1x), Nachhauseweg (Regen 1x). Tag der Junggesellen-Abschiede. Ein Er läuft mit kostengünstiger Sexpuppen-Ausführung durch die Lokale. Eine Sie mit Bunny-Ohren, die George Clooney will, aber einen anderen kriegt, verkauft Pimmelkerzen, Kondome, Schlüpfer und noch Schlüpfrigeres. Lennon würde sich keinen Vorhang als Hose anziehen. Ingo unzufrieden mit seinem Praktikanten. War voreingenommen, als Sabine und Andreas vom Konservatorium sich unserem Tisch näherten. „Do sitzt si a Pärchen her, etz geh' ma...!“ Entpuppten sich aber als stammkneipentauglich.
Orientierungs- und antriebslos jedem Anfang ausgewichen. Neunzig-Minuten-Spaziergang im Regen mit Claudia. Ohne Animosität. Hoffe, ich habe ihr keinen zu tiefen Einblick in mein Innerstes gewährt. Zumindest sollte ihr klar geworden sein, daß ich eine Muse brauche, die nicht nur küßt, sondern auch die Wohnung sauber hält.

Montag, 6. Oktober 2003
Urlaubsvertretung zu Ende. Darf wieder „normal“ arbeiten. Attac sagt: „Nein zu Hartz! Nein zur Verarmung von Arbeitslosen!“ Um die Verarmung von Halbtagskräften kümmert sich zwar keiner. Trotzdem Attac-Aktion unterstützt mit E-Mail an folgende mögliche Widerständler: klaus.barthel@bundestag.de; volker.beck@bundestag.de; markus.kurth@bundestag.de; peter.hettlich@bundestag.de; cornelia.behm@bundestag.de; jutta.duempe-krueger@bundestag.de; winfried.hermann@bundestag.de; thilo.hoppe@bundestag.de; kerstin.mueller@bundestag.de; winfried.nachtwei@bundestag.de; friedrich.ostendorff@bundestag.de; claudia.roth@bundestag.de; irmingard.schewe-gerigk@bundestag.de;josef.winkler@bundestag.de; werner.schulz@bundestag.de; ursula.sowa@bundestag.de; hans-christian.stroebele@bundestag.de; horst.schmidbauer@bundestag.de; fritz.schoesser@bundestag.de; ottmar.schreiner@bundestag.de; sigrid.skarpelis-sperk@bundestag.de; ruediger.veit@bundestag.de; christine.lucyga@bundestag.de; horst.kubatschka@bundestag.de; florian.pronold@bundestag.de; rene.roespel@bundestag.de; waltraud.wolff@bundestag.de. Zur eigenen Rechtfertigung bei zuletzt geführten philosophisch-persönlich-psychologischen Diskussionen die asymptotische Theorie entwickelt. Lasse sie ein wenig unfertig vor sich hin garen, sonst hängen sie mir gleich wieder den Besserwisser an. Kann an den Bezeichnungen „Superweib“ und „Tochter eines Solinger Kartoffelhändlers“ nichts Diffamierendes und Ehrabschneidendes entdecken. Den Bayerischen Fernsehpreis hat die Ferres auch angenommen.

Dienstag, 7. Oktober Anno Domini 2003 – oder im Jahre 7511 seit Anbeginn der Welt, wie man in Byzanz zu zählen pflegte... (ja, ich habe Baudolino angefangen)
Bei meinem Chef spar ich mir das Geld für einen Psychoanalytiker. Milbertshofen ist da, wo sich das „In München“, das morgen abläuft, heute noch in den Lokalen stapelt. Schachspielender und Wohnung in Ordnung haltender Maschinenbauer aus Düsseldorf meint, Susanne Rossmüller (Dingolfing) wäre eine Frau für mich. Claudia möchte deren E-Mail-Adresse, um sie vor möglichen Konsequenzen zu warnen. Da kann sie sich gleich mit Thôrsten oder Ruth-Maria von F. zusammentun, aus deren Umfeld das Statement stammt: „homepage unerträgliche selbstdarstellung.“ Ein Vier-Augen-Gespräch kann noch unerträglicher sein. Mit ebensoviel Selbstdarstellung. Und wieder mal. I'm afraid, this masquerade is over.

Mittwoch, 8. Oktober 2003
Good morning, America, how are you? Vielleicht war der junge Schwarzenegger ein bißchen vom frühen Nietzsche beeinflußt. Wobei ich dessen Kapitel über Frau und Kind mittlerweile hinter mir gelassen habe. Bei der Wahl sollten Privatangelegenheiten ohnehin keine Rolle spielen. Entscheidend war das bessere Programm. Fernsehprogramm. Pinakothekbesuch VII. Moderne. Durch Twombly-Sammlung gespurtet. 10 Minuten. Man schloß. Wenn wenigstens alle Bilder Titel hätten. Haben Homeboy Junior in Sachen Bob-Dylan-Karten zu viel zugemutet. Seit seiner neuen Brille schiebt er die Drecksarbeit auf die finanzschwachen Homeboys ab. Daß es in Bayern keine Partei rechts von der CSU geben darf, ist lange bekannt. Wenn sich die Fraktionsvorsitzenden im Bund durchsetzen, gibt's dort bald keine Partei mehr links von der CSU. Obwohl mir das Merz'sche Modell mit der Steuererklärung per Postkarte gefällt. Claudia zwingt mich ständig mitzurauchen.

Donnerstag, 9. Oktober 2003
Passe Diclofenac-Dosis doch den Empfehlungen von Papa Homeboy an. Sensationell gut geschlafen. Narzistische Kränkung.
  There'll be spring every year without me. England still will be here without me.
  There'll be fruit on the tree.
  And a shore by the sea.
  There'll be crumpets and tea without me...
Was denk ich so oft an Audrey Hepburn? Testkunden-Honorar erhalten. Primavera bereitet mehr Arbeit als Vergnügen. „Der Meister“ kann kommen. Buchmessen- und Abruzzen-Homeboy dürfen aufatmen. Karten besorgt. Thôrsten scheinen die häufigen Straubing-Aufenthalte ganz gut zu tun. Claudia hat mir die Duftöllampe von Plus geschenkt. Nebenbemerkung. Ganzheitlich und so. Auf dem Fläschchen steht Herbstsonne. 100 % ätherisch.

Freitag, 10. Oktober 2003
Programmieren wie ein Ägypter. Duftöllampe muß gestern mein Lustzentrum beeinflußt haben.Baudolino noch nicht zum Punkt gekommen. Fahre heim. Habe Claudia audrücklich gebeten, dieses Wochenende niemanden in meinem Zimmer übernachten zu lassen.

Samstag, 11. Oktober 2003
Simone glücklich aus Mexiko, Guatemala zurück. Nächstes Jahr Thailand. Namenlose Katze hat Körperumfang verdoppelt. Depression oder Einfluß der Anti-Baby-Pille. Sohn Tim seit zwei Wochen verschollen. Baudolino erfreut den Lateiner. Auch ohne grünen Honig. Trotzdem würde ich heut abend lieber Eulen in die Muffathalle tragen als in niederen Breiten das Länderspiel ansehn. Grundsatzdiskussion mit Oma über Komiker, „in' Dreck neiglanga“, Gesundheitsreform und Psychosomatik. Sollte nicht mehr ohne Diclofenac nach Hause fahren. Sine nauta navis.

Sonntag, 12. Oktober 2003
Barbarossa bereits ergraut, Baudolino rettet Alexandria. Bahn mit halber Stunde Verspätung. Die Musen aus dem Internet, die mir Claudia ausgesucht hat, wirken eher museal. Dokumentation in der ARD über katholische schwule Priestergruppen. Einer der Interviewpartner hatte Angst, nach seiner Priesterweihe in ein Loch zu fallen. Claudia quält mich mit Frauenfußball. „So sehen Sieger aus! La la la la la!“ War lediglich für schwedische Großaufnahmen empfänglich Nächstes Wochenende nach Hannover.

Montag, 13. Oktober 2003
Hat Schröder sein politisches Schicksal nun sachlich mit der Urversion der Gesetzesentwürfe verknüpft? Oder mit dem Abstimmungsverhalten seiner Partei bei einem faulen Kompromiß? Homeboy # 4 nach Italien geschlaucht und urlaubsreif, bucht aber wegen Surf&Rail-Schnäppchen (gilt erst ab Nürnberg) prophylaktisch mal mit. Und Junior meint, sich darüber lustig machen zu können, daß ich heut kein Diclofenac genommen hab. Zumindest kann keiner behaupten, ich würde meinen Ärger in mich reinfressen. Wer besucht Junior eigentlich um halb sieben abends? Tolle Aktion bei Karstadt. Wenn ich tausendmal teuer einkaufe, ist statistisch ein Einkauf umsonst. Die anderen Besorgungen lasse ich am nächsten Tag stornieren. Man bräuchte einfach Kapital.

Dienstag, 14. Oktober 2003
Thôrsten gibt seine neue CD in Pressung und berichtet über prominente Diner-Partner von Ruth-Maria von F. Und das ist die Deutsche Bahn. Halbe Stunde für Surf & Rail angemeldet. Dann Verbindungen gesucht. Günstigen Surf & Rail-Preis ausgewählt. Um dann zu erfahren:

Normalpreis 268,80 EUR Immer verfügbar
Sparpreis 25 201,90 EUR Hin- und Rückfahrt nicht mehr verfügbar
Sparpreis 50 134,40 EUR Hin- und Rückfahrt nicht mehr verfügbar
Surf&Rail (S&R4) 75,00 EUR Hin- und Rückfahrt nicht mehr verfügbar
Unter diesen Umständen bleibe ich natürlich in München. Und schmeiß meine Bahncard in den Locus. Kneipe in Schwabing entdeckt, in der das Weißbier sonn- und montags nur zwei Euro kostet. Entsozialdemokratisierung der SPD abgeschlossen. Resozialisierung unter diesem Wärter, äh, Kanzler, nicht mehr möglich. Erwäge Flucht in die Schwarzarbeit. Claudia meint, wir könnten es nochmal zusammen probieren. Bedingung. Ich hör mit dem Online-Tagebuch auf. Denke darüber nach. Frasier angesehen. Wird auch noch zu meiner Lieblingsserie. „Die Frau flirtet mit mir. Das ist mein Ich-bin-zu-haben-Gesicht!... Ihre Lippen sagten Nein, aber ihre Augen sagten: Lies es von meinen Lippen!“ Stelle den Antrag, die Crane-Brüder bei den Homeboys aufzunehmen.

Mittwoch, 15. Oktober 2003
Von einer Studentenbekanntschaft geträumt, die ich seit über 10 Jahren nicht mehr gesehen habe. Im Traum beim Psychoanalytiker. Eigenen Traum analysiert. Werde demnächst auf dem Frasier-Merchandising-Markt aktiv. Stellenangebote gesichtet. Fingerscan-Videothek bestätigt mir Talent fürs perfekte Verbrechen. Der Mann mit dem unlesbaren Fingerabdruck. Colandrina tot. Und auch Beatrix von Burgund. Hannover-Gesuch bei Mitfahrzentrale eingereicht. Beim Zwillingstreffen schauen die geschätzten Ratiopharm-Zwillinge am schärfsten aus. Es sollte viel mehr Ratiopharm-Werbung geben.

Donnerstag, 16. Oktober 2003
Aero Lloyd. Es geht wieder aufwärts. Mit der Bayerischen Landesbank. Vorm Aufstehen eine Stunde im Bett, in der Hoffnung auf Besserung. Bin kein Freund vom Morgenurin. Danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Vielleicht sollte ich wieder anfangen, morgens Radio zu hören. Diclofenac ist nicht 42. Meine Vorgängerin war zu Besuch. Hab ihr erzählt, daß man in dieser „Programmiersprache“ auch Prozeduren und Klassen schreiben kann. Number # 4 freut sich auf ein ruhiges Wochenende. Und Junior erklärt mir die Betriebskosten mit Wertverlust, wonach eine Fahrt nach Hannover mit dem Auto ca. 200 € kosten müßte. Einfach! Werde Bayern in diesem Jahr nicht mehr verlassen.

Freitag, 17. Oktober 2003
Wenigstens kann man mit Claudia nach wie vor gut fernsehen. Gemeinsamer Lachkrampf bei Frasier: Daphne fühlte sich fast wie das „Gute Service“. Leider war es bei uns nicht so heiß. Wer rettet heut die SPD? Nietzsche kommt zu dem Satze, „daß in den Angelegenheiten der höchsten philosophischen Art die Verheirateten verdächtig sind.“ Auch meine Zweifel an der reinen Lehre von Papa Homeboy haben zugenommen. Unterdessen unterbricht Baudolino seine Suche nach Indien ein weiteres Mal. Wenn ein Projekt sich dem Ende zuneigt, bin ich überstundenmäßig kaum zu bremsen. Allein, ich hab Claudia versprochen, Brot zu kaufen. Damit sie mir am Abend Harald-Schmidt aufzeichnet. Und Frasier.

Samstag, 18. Oktober 2003
Nicht nur, daß die Sache mit dem Videorekorder wieder nicht geklappt hat. Abgründe zwischen Männern und Frauen. Claudia meint, ich hätte zu viel getrunken. Ich sage, ich habe zu wenig gegessen. Bewundere die Homeboys, die verwegene E-Mails schreiben, lebende Leichen sezieren und feststellen, daß da nix mehr blüht. Wenigstens trinken sie behutsam. Number 4 wartet mit dem Lotterleben bis zum Lottogewinn. Und vom G-Punkt gibts auch nix Neues. Eine gute Nachricht aus meiner Lieblingskneipe. Das Akkordeon ist wieder da. Seit heute. Und auch die Wirtin wird in den nächsten vierzehn Tagen zurückerwartet. Mir ist noch immer schlecht. Schäme mich. Langsam kommt die Erinnerung wieder. Fast-Heidi-Klum im Stadtcafé.
Flash-Film-Fest in der Blackbox. Danach Sekt, den ich ausschlug. Auch in Milbertshofener Kneipe durchs Fenster keinen Anlaß gesehen, heutige Askese aufzugeben. Leichter Katarrh.

Sonntag, 19. Oktober 2003
Geschwächt. Erkältet. Sexuellen Phantasien aufgeschlossen. Claudia kann sich momentan nicht erlauben, krank zu werden. Hungrig. Leistungsschwach. Hat die Verschiebung der Zahlungen für die Neurentner ans Monatende etwas mit der Hoffnung auf eventuelles Versterben selbiger zu tun? Oder bringt das Zinsen? Scharping lebt.

Montag, 20. Oktober 2003
Claudia übernachtet bei Freundin. Halte dies für übertrieben. Erkältung jedoch keineswegs überwunden. Schwach auf den Beinen. Heiser. Arbeitslosigkeit schlägt Narben in die Seele. Da muß man ja krank werden. Call-a-Pizza. Barbarossa umgekommen – an der Stelle hat Homeboy Number 4 aufgehört zu lesen.

Dienstag, 21. Oktober 2003
Zunge weiß belegt. Definitiv keine Kneipe zur Championsleague. Momentane Träume nicht mal meinem Analytiker zuzumuten. Wenn es dafür Gründe gibt, will ich es nicht wissen. Vielleicht deliriere ich. Muß mit Überstunden aufhören. In Geheimtasche meiner Winterjacke Glückskondom gefunden, das seinem Namen keine Ehre machte. Abgelaufen. Griechischer Salat in Milbertshofen, heute gegenüber von Audrey Hepburn. Bayern stehen gut, führen verdient. Schlußviertelstunde leider zu passiv. Legt Homeboy Number 4 an seine fußballspielenden Mitmenschen zu strenge Maßstäbe? Pointen nehmen langsam überhand. (Verlauf: Tabuisierung, Tabubrechung, Exzeß) Thôrsten darf jetzt bei Ruth-Maria von F. rein. Und braucht nicht mehr so häufig ins Internet-Café.

Mittwoch, 22. Oktober 2003
Selbstheilungskräfte in Aktion. Vielleicht trägt auch Claudias mit ihrer Katharrophobie zusammenhängende Abwesenheit zu meiner Genesung bei. Endlich ist eine meiner drei kursierenden Bewerbungsmappen zurückgekommen. Eine Patenschaft für ein Tiefdruckgebiet würde sich gut machen, neben meinem Grundstück auf dem Mond. Setlur hat die Rolle in der Casting-Jury angenommen, um zu sehen, wie die Mechanismen funktionieren. Wenn man drei Chefs hat, sollte man auch das dreifache verdienen. Bin nicht der Typ fürs Lohnverhältnis.Egomanisch. Egozentrisch. Egalité. Aber nicht Fraternité.

Donnerstag, 23. Oktober 2003
Frasier Crane in der Tat einer der wenigen, der mich zu sekundenlangen Lachausbrüchen animiert. Möchte demnächst einen Homeboy adoptieren. Um die Pflegeversicherungzuschläge für Kinderlose nicht zu bezahlen. Netter Nebeneffekt, daß „Kinder“ eines Tages für ihre Eltern aufkommen müssen. Reiner S. Opfer oder Verursacher einiger nun geklärter Mißverständnisse. Baudolinos einbeiniger Fremdenführer hat in Pndapetzim noch nie weibliche Eunuchen gesehen. Ruth-Maria von F. kann über ihren neuen Untermieter nicht klagen. Schon wieder Essen gegangen. In Milbertshofen. Schon wieder Überstunden. Ich brauche ein Erdbeben. Reiner S., der große Kenner der Aufreißer-Literatur, verweist auf den Anthropologen Miller, nach dem im Mittelpunkt der sexuellen Selektion die verbale Partnerwahl stünde. Angestrebtes Freitag-Abend-Blind-Date vertagt.

Freitag, 24. Oktober 2003
Glaube, daß Baudolino heute noch Sex haben wird. Wenn nur auch Claudia ihre Apathie zurücklassen könnte. Extra kein Diclofenac genommen, damit ich mal früh genug aus dem Bett komme, um nach Feierabend noch einkaufen zu können. Und wie ich da eine meiner zahlreichen schlaflosen Nächte mit Eco und Nietzsche verbringe, fällt mir auf, daß ich die weiblichen Autoren, die ich gelesen habe, an einer Hand abzählen kann. J. K. Rowling, I. Allende, C. Wolf. Nicht zu vergessen ein paar Stücke von Brecht. Das könnten allerdings mehr als fünf Autorinnen gewesen sein. Langsam frage ich mich, ob diese SPD-Abweichler, von denen vor Abstimmungen immer zu hören ist, wirklich existieren. Heute heimatloser Number Four will seine SMSse nicht als Pointen verstanden wissen. Schaue dem Boss mal wieder zu grimmig. Vielleicht wäre ein Telearbeitsplatz die Lösung.

Samstag, 25. Oktober 2003
Wir schreiben den 25. Oktober 2027. Club der einsamen Herzen. Reiner S. zeigt Henri Hochofen eine Fotografie seines Segelbootes und seufzt. „Wenn du damals nicht dabei gewesen wärst, hätt ich ihre E-Mail-Adresse bekommen...“ Homeboy # 4, auf einem Kongreß in Berkely, hat sich mittlerweile damit angefreundet, daß nicht mehr alle Untergebenen miteingegraben werden, wenn der Pharao stirbt. Junior kann nicht anwesend sein, da der 26. Oktober auf einen Dienstag fällt und er dienstags um 8:00 Uhr Geschichte gibt. Und Papa Homeboy teilt per Sms mit, daß sein Filius das Studium erfolgreich abgeschlossen habe und er nun in kürzester Zeit seine Zelte in Niedersachsen abbrechen könne. Mittlerweile hat sich auch das Mißverständnis aufgeklärt, daß mit „Meister“ im Jahre 2003 noch Bob Dylan, und nicht etwa einer der Homeboys tituliert wurde. Keiner weiß, wo Claudia steckt. Und der Bundesrepublik Deutschland wurden von Taiwan sämtliche Schulden erlassen.
Vermögensberaterinnen sind nichts für mich. Glaube ich. Reiner denkt bei Notarzt nur an Sex. Ruth-Maria von F. zieht Loriot einem Homeboy-Abend vor. Und das, obwohl Number Four bis zum Lamms-Knoblauchbaguette durchgehalten hat.

Sonntag, 26. Oktober 2003
Ingo meint, Olli Kahn hält wieder mit „tausend Händ'“! Deislers Trick nötigte mich zu einer Superzeitlupenstudie. Der Ernährungsspezialist, der auch Meister Dylan einen Besuch abstatten wird, rät Ingo vom Kaffeegenuß ab, lobt aber seinen täglichen Obstverzehr. Bedeutung von Vollkornbrot überschätzen beide. Kleiner Kneipenbummel mit Claudia. Von Giesing in die Innenstadt. Im Baader-Café ließ sie mich mit Meister Eckhart allein. Spielte auf den Spiegel-Online-Artikel an, wonach weibliches Renommiergehabe nachrangige Männer auf Distanz halten solle. Mich interessiert nicht, wie gut Detlev im Bett ist. Beati pauperes spiritu. Verwegene Predigt. Homeboy Number Four soll mit mir zu Jörg Pilawa. Meinten die Juristen aus Varasdin, die wegen der Zeitumstellung dem Flucht-Achterl nicht entkamen. Außerdem ist es mir gelungen, Kontakte zu einer Freundin von der lateinische-sms-schreibenden Elli zu knüpfen. I sog bloß Nockherberg. Papa Homeboy soll nicht immer so lange telefonieren. Silence is golden. Animalische Grundstimmung. Claudia nimmt Vollbad. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.

Montag, 27. Oktober 2003
Tabuthema zugezogen. Claudia spricht schon von Operation. München-Hannover bei Surf&Rail, diesmal hats geklappt. Habe Platz reservieren lassen für Entertainer Hochofen. Und jeden Ausflug nach Berlin untersagt. Bevor die Spekulationen aus dem Ufer laufen, es handelt sich um Hämorrhoiden. Gibts da nicht auch was von Ratiopharm?

Dienstag, 28. Oktober 2003
Sitzen soll ich nicht, stehen soll ich nicht, husten soll ich nicht. Und schlafen kann ich nicht. Von Baudolinos Begleitern sind auch nicht mehr viel übrig. Homeboy Junior denkt, in Adelskreisen wäre gegen ihn intrigiert worden. Unterdessen der neoliberale Kanzler auf Reformkurs bleibt. Muß mich um eine ausgewogene ballaststoffreiche Ernährung bemühen. Bin immer noch im Verteiler meines Nachhilfeinstituts und bekomme jeden Tag vier Schüler angeboten. Mein Verständnis für Juniors Unbehagen wächst. Bayerns Championsleague-Heimspiele werden kein Selbstläufer.

Mittwoch, 29. Oktober 2003
Frasier-Buch und DVD der ersten Staffel bestellt. Englisch ohne Untertitel. Was Englischlehrer Mr. W. nicht vollbrachte, gelingt vielleicht Dr. Frasier Crane. Ruth-Maria von F., deren Wochen geradeso dahinfliegen, wenn nicht gar die Zeit dahinreitet wie ein Elch, würde sich über einen Ausflug ins Grüne mit den Homeboys freuen. Organisation und Planung möchte ich in die Hände von Junior legen, nachdem ich ihm bereits die Beschaffung der Karten für den Meister abgenommen habe. Wo liegt eigentlich Varasdin? Ruth und Junior haben sich wieder lieb. Und Number 4 bereits im Reisefieber.

Donnerstag, 30. Oktober 2003
Den Meister gesehen. Buddha und Mittelständler bestätigten, daß den „Tambourine Man“ er geschrieben habe. Die Fans in der ersten Reihe bekamen, wie Number Four sich versicherte, keine Instrumente umgehängt. Erwäge, meinen Samstag-Fünf-Uhr-Morgens-Zug nach Hannover zu versäumen. Bin nicht mehr in der Stimmung. Fünfzig Euro in den Sand. Bei der Axt im Walde knicken auch Birken, nicht nur Mimosen. Der Homeboy, der einen Stein ins Rollen bringt, wartet selten, bis die Lawine im Tal niedergegangen ist. Es ist zufällig (?) derselbe Homeboy, der sich nicht an dem messen läßt, das er anderen vorwirft. Wer äußere Kommunikation, die Wirkung derselben und innere Motivation anderer analysiert und durchschaut, dem könnte dies vielleicht auch bei sich selbst gelingen. Mehr will ich ja gar nicht. Frei nach Sokrates ist der Homeboy an und für sich gut und wird bei genügend großer Erkenntnis richtig handeln. Ein anderer Homeboy glänzt mit „Etz stich i'n ob!“ und betont, daß ihm schnelle Schüsse durchaus zuzutrauen sind. Dieser Humorismus ist mir nicht unvertraut. In vino veritas. Es sind die Tage, an denen ich die Großstadt sofort verlassen würde. Wenn sich eine Gelegenheit böte. Vielleicht kenne ich zu viele Leute, vielleicht sollte ich keine Leute kennen, die sich untereinander kennen. Vielleicht überreagiere ich auf scheinheilige Rechtfertigungen. Vielleicht gibt es wirklich gesellschaftliche Spielregeln, gegen die ich verstoße. Schön, daß Claudia keinen Besuch hat. Und einen Freundeskreis besitzt, dem ich – und der mir relativ gleichgültig gegenüber steht. Letzte Szenen von Baudolino: Baudolino sticht seinen Freund, den Poeten, ab. Die Clique zerfällt. Ob sich ein Historiker der Geschichte Baudolinos annimmt, bleibt offen. Mein Bedarf nach Telekommunikation ist für dieses Jahr gedeckt. Baue mir Small-Talk-Bekanntenkreis auf, in dem nur eine einzige private Frage zugelassen ist, nämlich die, was man denn essen wolle. Es sei denn, das Gegenüber glaubt an Jonas' Gemüsepsychologie. Schön, daß Homeboy Junior nicht mehr mit dem Anwalt droht. Minimale Selbstkritik, aber ein heiterer Ton, der meine Stimmung aufbessert. Wie von Buddha prognostiziert, wurde keine 24 Stunden nach dem Konzert bereits die Playlist des Meisters ins Netz gestellt.

Freitag, 31. Oktober 2003
US-Wirtschaft wächst um sieben Prozent? Wußte gar nicht, daß der CIA jetzt auch diese Informationen ermittelt. Trockenes mathematik-historisches Buch begonnen. Zur Unterhaltung gibts ja die kein Bierchen trüben könnenden Homeboys. Frasier entdeckt Beleidigungen über sich auf dem Clo. Und täglich kommt was dazu. Er habe schon Anthologien gelesen, an denen weniger Autoren beteiligt waren. Bei zwei von fünf Pointen lachen Claudia und ich gemeinsam. Wenn seinerzeit die Orgasmusquote ähnlich hoch gewesen wäre. Präventivschlag-Doktrin, der Nächste bitte.


[weiter zum November 2003]

© Henri Hochofen 2003